1. August 2018 – Kienberg

1. August Ansprache

 

31. Juli 2018, 20.00 Uhr, Kienberg

 

Ansprache von Frau Regierungsrätin Brigit Wyss

Vorsteherin des Volkswirtschaftsdepartements

Kanton Solothurn

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

 

 

Liebe Kienbergerinnen, liebe Kienberger

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger

 

Herzlichen Dank für die Einladung nach Kienberg. Vorab danken möchte ich vor allem der Gemeindepräsidentin Adriana Gubler. Es freut mich, heute Abend dank Ihrer Einladung im äussersten Zipfel des Kantons Solothurn mit Ihnen zusammen die Bundesfeier begehen zu können. Je nach Perspektive hört hier der Kanton Solothurn auf oder er fängt hier an.

 

Vieles verändert sich …

Sie leben in Kienberg in einer beneidenswert schönen und auch ländlichen Gemeinde mit – laut Homepage – 525 Einwohnerinnen und Einwohnern. Sie kennen einander und vermutlich ist der Begriff Nachbarschaftshilfe hier noch ein gelebtes Wort. Es gibt aber auch eine andere Tendenz. Die zunehmende Professionalisierung und Individualisierung hat unser Zusammenleben im Verlaufe der letzten Jahrzehnte tiefgreifend verändert. Noch als ich ein Kind war, aufgewachsen auf einem Bauernhof in Lüsslingen, waren wir von unseren Nachbarn abhängig – und sie von uns. Man half sich gegenseitig wenn zum Beispiel ein Gewitter im Anzug war, wenn jemand krank wurde, im Haus und Stall und sogar, wenn jemand in finanzielle Engpässe geriet. Heute sind wir dank professionellen Strukturen individuell und weitgehend unabhängig voneinander. Wir können uns jederzeit und überall professionelle Hilfe und Unterstützung holen oder organisieren. Und was ich bei mir selber auch immer wieder feststelle ist, dass ich viel weniger Hemmungen habe, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen als im Familien- und Freundeskreis um Hilfe zu bitten. Man will ja niemandem zur Last fallen.

 

…manches bleibt gleich

Etwas vom Eindrücklichsten in meinem Amt ist die Begegnung mit interessierten und engagierten Menschen, die etwas auf die Beine stellen. Mit viel Vorfreude bereiten Organisationskomitees in unzähligen Sitzungen den nächsten Sport- oder Kultur- oder Gewerbeanlass vor. Altersnachmittage werden organisiert, Sammlungen für Möbel für Flüchtlingsunterkünfte oder Ferienpass-Anlässe für daheimgebliebene Kinder. Ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse wird Freizeit in eine gemeinsame Idee, in ein gemeinsames Projekt gesteckt.

Wir, die Besucherinnen und Besucher, können anschliessend ein schönes Fest, eine interessante Ausstellung oder einen gelungenen Anlass besuchen. An der Eröffnung hören wir kurz zu, wenn die Arbeit des Organisationskomitees verdankt wird und spenden einen kurzen Applaus.

Vielleicht gibt es für die OK-Mitglieder eine minimale Spesenentschädigung, ein bescheidenes Sitzungsgeld oder ein abschliessendes gemeinsames Essen; im Idealfall mit den Partnerinnen und Partner. Denn auch sie tragen auch zum Gelingen des Anlasses bei, indem sie auf gemeinsame Freizeit verzichten und bereit sind, während den Vorbereitungszeiten ein Teil der gemeinsamen Aufgaben zu übernehmen.

 

Wo sich Professionalität und Milizsystem treffen

Das gilt aber nicht nur, wenn es darum geht eine Fest oder eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. Auch unsere Feuerwehr funktioniert nur, weil Männer und Frauen bereits sind, einen Teil ihrer Freizeit zu investierten zum Wohl von uns allen. Und auch die Politik funktioniert ohne freiwilliges Engagement nicht. Beeindruckend ist für mich nicht nur das grosse Engagement in zeitlicher Hinsicht, sondern auch die Bereitschaft, Wissen und Können grosszügig zur Verfügung zu stellen. Ich kann eine Stromleitung legen, also mache ich das. Ich kenne mich aus mit der Zeitmessung, als organisiere ich das. Ich verstehe etwas von Gastronomie, also übernehme ich die Festwirtschaft. Plakat und Flyer entstehen häufig nach dem Feierabend und auch die Schlussabrechnung wird am Wochenende gemacht.

Manchmal ist es auch umgekehrt und es braucht die Bereitschaft, sich als OK-Mitglied neue Fähigkeiten anzueignen. Mein Cousin – über 60zig und Bankangestellter – hat sich am Wallierhof weitergebildet und dann im letzten Frühling viel Kabis angepflanzt. Anschliessend hat er zusammen mit dem OK das ganze Dorf, Freunde und Verwandte zur "Kabishoblete" eingeladen und wir haben Sauerkraut in Einmachgläser abgefüllt. Das Resultat war ausgezeichnet und selbstverständlich haben wir das OK entsprechend gewürdigt. Mein Cousin hat mir so ein Stück Kindheit zurückgebracht; nicht nostalgisch verklärt, sondern ganz praktisch. Damit liegt er im Trend. Einmachen ist heute keine Notwenigkeit mehr aber kann ein Event für das ganze Dorf sein. Solche und ähnliche Anlässe sind in einer zunehmend professionalisierten, individualisierten Welt offensichtlich sinnstiftend und können das Zusammengehörigkeitsgefühl fördern. Das grosse freiwillige Engagement der OK-Mitglieder steht dabei nicht im Zentrum und meistens genügt ein Dankeschön; wichtig ist aber, dass es von Herzen kommt.

 

Was sich messen lässt und was nicht

Statistisch gesehen gelten diese Engagements als unbezahlte Arbeit. Ehrenamtliche und freiwillige Tätigkeiten in Vereinen und Organisationen, persönliche Unterstützung von Bekannte, Freunden und Verwandte werden genauso wie Haus- und Familienarbeit als unbezahlte Arbeit eingestuft. Jährlich wird der Geldwert dieser Arbeit ausgerechnet: In der Schweiz gibt es mehr unbezahlte Arbeit als bezahlte. Die gesamte im Jahr 2016 geleistete unbezahlte Arbeit wird auf einen Geldwert von rund 400 Milliarden Franken geschätzt; insgesamt wurden 9,2 Milliarden Stunden unbezahlt gearbeitet. Die bezahlte Arbeit ist über eine Milliarde Stunde tiefer. Im Durchschnitt leistete jede Person also 1'320 Stunden pro Jahr Freiwilligenarbeit.

In der Summe lassen mich solche Statistiken ratlos zurück. Sollen wir jetzt stolz darauf sein, weil uns die Gemeinschaft immer noch so viel Wert ist? Oder sollten wir vielmehr misstrauisch werden, weil wir wissen, dass unbezahlte Arbeit ungleichmässig verteilt ist? Ist es überhaupt zielführend, wenn uns Ökonomen den Geldwert von Liebe, Herzblut, Freude oder Verantwortung vorrechnen?

 

Einer für alle – alle für einen

Ja und nein. Ja, es ist unglaublich eindrücklich, wieviel geleistet wird zum Wohle von uns allen – freiwillig, ohne Anspruch auf eine angemessene Entschädigung und mit teilweise beachtlichen Risiken: Feuerwehr, Kunst- oder Gewerbeausstellungen, Viehschau, Theater- oder Musikaufführung, Suppen- oder Begegnungstag, Hegetage und Jungfischerausbildung, Gemeindepräsidententreffen, Altersnachmittage und Jungbürgerfeiern, Turn-, Jodler- oder Schwingfeste, Grümpeltourniere, Nachwuchswettkämpfe, Nachbarschaftshilfe, Kindernachmittage oder eben eine Kabishoblete.

 

Und nein, es ist nicht zielführend, jeder menschlichen Handlung oder Tätigkeit einen Geldwert beizumessen. Freiwillige, unbezahlte Arbeit ist der Kitt unserer Gesellschaft. Wichtig ist aber, dass dieser Kitt alle Fugen ausfüllt und schön gleichmässig verteilt wird. Nur so verlieren wir den Wert unserer Gemeinschaft nicht aus den Augen. Unser Zusammenleben zeichnet sich aus durch persönliches Engagement, durch Verantwortung von uns allen für das Ganze und durch den Grundsatz von Demokratie und Solidarität. Dies gilt für uns als Bürgerinnen und Bürger und auch für alle, welche in irgendeiner Funktion zusätzliche Verantwortung übernommen haben. Das ist heute nichts Anderes als damals, als ich noch ein Kind war: Niemand von uns weiss, wann er oder sie selbst auf die Gemeinschaft angewiesen ist.

 

In der Kuppel des Bundeshauses steht seit über 114 Jahren der Leitspruch "Einer für alle – alle für einen". Individualität und persönliche Freiheit sind wichtig. Dafür haben wir über Jahrhunderte hinweg gekämpft. Der Kampf für die Freiheit hat sich gelohnt und heute sind wir nicht nur Teil der Gemeinschaft, sondern auch Individuen mit Freiräumen, welche uns den eigenen Weg zum Glück ermöglichen. Und wenn das individuelle Glück im Einmachen von Sauerkraut liegt und die ganze Dorfgemeinschaft daran teilhaben kann, dann kittet ein solcher Event die Dorfgemeinschaft und sie wird tragfähiger. Und wer weiss, vielleicht ermöglichen uns gerade solche Begegnungen, dass wir hie und da über unseren Schatten springen und Nachbarschaftshilfe wieder vermehrt in Anspruch nehmen oder gewähren.

 

In diesem Sinne danke ich Ihnen ganz herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen weiterhin eine schöne Bundesfeier.