1. August 2018 – Neuendorf

1. August Ansprache

 

1. August 2018, 10.00 Uhr, Neuendorf

 

Ansprache von Frau Regierungsrätin Brigit Wyss

Vorsteherin des Volkswirtschaftsdepartements

Kanton Solothurn

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

 

 

Liebe Neuendörferinnen, liebe Neuendörfer

Liebe Jungbürgerinnen, liebe Jungbürger

Liebe Sportlerinnen, liebe Sportler

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger

 

Herzlichen Dank für die Einladung nach Neuendorf. Es freut mich sehr, heute mit Ihnen zusammen die Bundesfeier begehen zu können.

 

Ich möchte auf einen Begriff zu sprechen kommen, den manche nicht mehr hören können und manche etwas ernster nehmen sollten. Nachhaltigkeit. Seit jeher fühlt sich die Schweizerbevölkerung, der Bund die Kantone und Gemeinden der Nachhaltigkeit verpflichtet. Für uns war es also nicht neues, als 1987 im sogenannten Brundtland-Bericht der Begriff "Nachhaltigkeit" definiert wurde: Nachhaltigkeit ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass zukünftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.

 

Nachhaltig ist heute eigentlich alles – von der Fluggesellschaft über das Einkaufszentrum bis zur Bank. Von Nachhaltigkeit reden alle und fast kein Unternehmen kann es sich heute noch leisten, nicht nachhaltig zu sein. Nachhaltigkeit ist selbstverständlich geworden aber ich habe den Eindruck, dass sie nur ungefähr verstanden wird. Das ist nicht überraschend, denn wir haben ein echtes Dilemma: Das Wachstum unserer Wirtschaft aufgeben bedeutet, Wohlstand zu verlieren.

Das Wachstum beibehalten bedeutet aber, das Risiko einzugehen, dass globale Ökosysteme und damit unsere Lebensgrundlage zerstört wird. Wir haben also verschiedene Möglichkeiten, mit diesem Dilemma umzugehen: Wir können es ignorieren und so tun, als ob eine vorübergehende Erscheinung wäre. Wir können es vertagen in der Hoffnung, dass wir Dank unserer Innovationskraft das Dilemma rechtzeitig lösen werden.

 

Zukunftskonferenz Neuendorf 2040 – Reden und gestalten Sie aktiv mit!

Mit grossem Interesse habe ich das Protokoll der Zukunftskonferenz Neuendorf 2040 gelesen. Sie haben sich an ihrer Zukunftskonferenz für eine dritte, aktive Variante entschieden. Nachhaltig leben bedeutet für Neuendorf, neue Herausforderungen anzunehmen, kreative Änderungen zu prüfen und ganz neue Möglichkeiten in unserem Leben zuzulassen.

 

Im Blick online vom 28. April 2040 steht: Neuendorf feiert, die Schweiz staunt.

-          10jähriges Jubiläum des Kultur- und Vereinszentrum

-          Verpflegung ausschliesslich aus dorfeigenen Läden

-          Technopark als Sponsor

-          Steuersenkung trotz Investitionen

-          Das letzte Dorf ohne Hochhaus

-          Verkehrsfrei dank Drohnen und Cargo Souterrain

-          Schweizermeistertitel im Boccia

-          Eigene Dorf-/Bierbrauerei

 

Zusammengefasst haben Sie eine Vision für Neuendorf 2040 erarbeitet, die für Sie als Neuendörferinnen und Neuendörfer eine sehr hohe Lebensqualität beinhaltet. Dabei habe sie die drei Säulen der Nachhaltigkei Ökonomie, Ökologie und Soziales gleichwertig berücksichtigt. Das Zusammenleben im Dorf soll einen hohen Stellenwert haben. Ein attraktiver Dorfkern und geeigneter Raum soll Begegnungen fördern und ein aktives Vereinsleben ermöglichen. Sehr spannend ist auch der Ansatz vom generationenübergreifenden Wohnen und Essen. Eine hohe Lebensqualität bedingt eine Entlastung des Dorfes vom Verkehr. Zum einen werden neue Mobilitätsträger genannt wie Drohnen oder Cargo Souterrain. Zum anderen wird aber auch eine Reduktion durch intelligente Mobilität angestrebt. Langsamverkehr, ÖV und der motorisierte Individualverkehr sollen ideal miteinander verzahnt werden. Wichtiger wird in diesem Zusammenhang auch die regionale und überregionale Zusammenarbeit.

Wirtschaft, insbesondere Industrie und Gewerbe sollen weiterhin gute Rahmenbedingungen haben, regionale Arbeitszonen sollen realisiert und die Bürokratie abgebaut werden.

Konsequenterweise gibt es am Schluss des Protokolls über die Zukunftskonferenz Neuendorf 2040 noch ein Handlungsfeld "Wachstum". Im neuen räumlichen Leitbild der Gemeinde Neuendorf soll kein Bevölkerungswachstum mehr angestrebt werden. Das ist ein neuer Ansatz und steht so wohl noch in keinem anderen kommunalen Leitbild im Kanton Solothurn.

 

Die Grenzen des Wachstums

So hiess das Buch des Club of Rome, das 1972 erschien. Damit hat "Gewissen der Welt", wie die Organisation auch genannt wird, in den 70er-Jahren das Bewusstsein für Nachhaltigkeit geprägt. Bis heute wurden diese Warnungen aber weitgehend ignoriert und einiges als reiner Umweltaktivismus abgetan worden. Langsam zeichnet sich aber eine Veränderung ab und auch in der Schweiz beginnen wir immer häufiger über qualitatives statt quantitatives Wachstum nachzudenken. Die Unterscheidung ist nicht immer einfach. Mit Bezug auf die Nachhaltigkeit lautet die Frage aber nicht mehr, ob wir wachsen, sondern wie wir wachsen.

Zum qualitativen Wachstum gehört der Begriff "Suffizienz". Früher stand dieser Begriff für den freiwilligen Verzicht auf Konsum – ein Konzept, das als grossmehrheitlich gescheitert angesehen werden muss. Heute geht es deshalb nicht mehr primär um Verzicht, sondern darum, die eigene Lebensweise zu verändern, ohne dabei auf Lebensqualität zu verzichten. Nachhaltigkeit ist also auch ohne Verzicht möglich. Ohne eine gewisse Änderung in der Art und Weise, wie wir leben, wird es aber nicht gehen.

 

Neuendorf 2040 kratzt im Handlungsfeld "Wachstum" am weitverbreiteten Dogma, dass es ohne Wachstum keinen Wohlstand gibt. Und falls im neuen Leitbild das Bevölkerungswachstum tatsächlich begrenzt wird, wird das zu Anschlussfragen führen betreffend Wachstumsfragen in anderen Bereichen. Ich finde es braucht Mut, diese Fragen öffentlich anzugehen. Diesen Mut der Neuendörferinnen und Neuendörfer wünsche ich uns allen, dem Kanton und der Schweiz.

 

Liebe Jungbürgerinnen und Jungbürger

Vor kurzem durfte ich an der Abschlussfeier der Berufsmaturanden teilnehmen. Ich dachte dabei an ein arabisches Sprichwort:

 

Wer nicht weiss und nicht weiss, dass er nicht weiss, ist ein Narr. Meide ihn.

Wer nicht weiss und weiss, dass er nicht weiss, ist einfältig. Lehre ihn.

Wer weiss und nicht weiss, dass er weiss, schläft. Wecke ihn auf.

Wer weiss und weiss, dass er weiss, ist weise. Folge ihm nach.

 

Liebe Jungbürgerinnen und Jungbürger: Sie sind die erste Generation, die mit einem praktisch unbeschränkten Zugang zu Wissen aufgewachsen ist. Heute sind wir alle konfrontiert mit einer Informationsflut und es ist nicht immer einfach, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Wer ist wirklich weise, und wer ist ein Narr? Die Informationsflut bedeutet immer auch Begegnungen mit Neuem, ist Weiterbildung und Orientierungshilfe; jede und jeder ist gefordert aber meistens sind wir dabei auf uns selber gestellt. Dazu kommt, dass immer mehr auch die Rede ist von manipulierten, spezifisch aufbereiteten Informationen, Fake-News ist das Stichwort. So fühlen wir uns dann manchmal einfach überfordert, das Interesse für allgemeine Fragenstellungen und Zusammenhänge schwindet und wir kümmern uns mehr um das Naheliegende, Persönliche.

 

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Individualität und persönliche Freiheit sind auch mir sehr wichtig. Wir haben dafür gekämpft und erreicht, dass jeder Mensch nicht nur Teil der Gemeinschaft ist, sondern dass er auch darf und soll ein Individuum sein. Freiräume sind wichtig und sollen den Menschen den eigenen Weg zum Glück ermöglichen. Wir bleiben aber immer auch Teil einer Gemeinschaft und eine funktionierende Gesellschaft ist angewiesen auf persönliches Engagement von uns allen und auf die Bereitschaft, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen. Ein amerikanischer Präsident meinte einmal: "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt. " Und wer es etwas weniger patriotisch mag kann den Begriff "Land" auch durch "Gesellschaft" ersetzen.

 

Alle die sogenannten Megatrends – Wissensgesellschaft, Individualisierung oder Globalisierung erzeugen immer auch Gegentrends. Der Entwurf für das neue räumliche Leitbild von Neuendorf nimmt sowohl Trends als auch Gegentrends auf und ist damit eine ausgezeichnete Grundlage für eine spannende, generationsübergreifende Diskussion.

 

 

Liebe Neuendörferinnen, liebe Neuendörfer, liebe Jungbürgerinnen, liebe Jungbürger:

Sie haben den Kompass für Ihr Dorf auf eine hohe Lebensqualität und auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Ich wünsche Ihnen weiterhin spannende und ergiebige Diskussionen und schlussendlich eine Vision, die alle mittragen.

 

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen weiterhin eine schöne Bundesfeier.